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Wirtschaft

18.12.2017 - Artikel

Stand: Oktober 2018

Kurzcharakteristik der Wirtschaft

Kanada ist der zweitgrößte Flächenstaat und die zehntgrößte Volkswirtschaft der Erde. Die Wirtschaftszentren im Osten und Westen sind bis zu 5.000 km voneinander entfernt. Das Land ist mit 3,92 Einwohnern pro km² dünn besiedelt, weite Teile der kanadischen Arktis sind so gut wie menschenleer. Kanadas Wirtschaft stützt sich auf einen starken Dienstleistungssektor, auf den rund 70% des Bruttoinlandsprodukts entfallen. Danach folgen das verarbeitende Gewerbe, Energie und Rohstoffe sowie Landwirtschaft. Die produzierende Wirtschaft ist in einem Streifen von bis zu 350 Kilometern Breite nördlich der US-Grenze konzentriert, während ein großer Teil der Rohstoffvorkommen in entlegeneren Landesteilen ausgebeutet wird. Die Industrie konzentriert sich in den Provinzen Ontario und Québec sowie im Großraum Vancouver. Alle Wirtschaftszweige sind in erheblichem Maß exportabhängig, wobei die USA mit einem Anteil von rund drei Vierteln an den Exporten der mit Abstand größte Handelspartner ist.

Kanada verfügt nach Saudi Arabien und Venezuela über die drittgrößten Erdölreserven der Welt, vor allem in Form von Ölsanden in der Provinz Alberta. Es belegt jeweils Platz 4 in der weltweiten Erdgas- und in der Erdölförderung. Investitionen in die Ölförderung sind infolge der jüngsten Ölpreiskrise deutlich zurückgegangen. Viele internationale Energiekonzerne haben sich aus Kanada zurückgezogen. Neben energetischen verfügt Kanada auch über wichtige mineralische Rohstoffe.

Parallel verfügt Kanada über eine leistungsstarke, auch an Zukunftstechnologien orientierte Wirtschaft. Wichtige Industrien sind der Automobil- und Flugzeugbau, die Nahrungsmittelindustrie, die Holz- und Papierverarbeitung, die chemische Industrie sowie Informations- und Kommunikationstechnologie.

Die Pro-Kopf-Treibhausgasemissionen  in Kanada gehören zu den höchsten weltweit – sie sind etwa doppelt so hoch wie in Deutschland. Die liberale Regierung Trudeau setzt sich für den Kampf gegen den Klimawandel ein und hat zusammen mit den Provinzen eine nationale Klimastrategie erarbeitet und einen weitgehenden Ausstieg aus der Kohleverstromung bis 2030 beschlossen. Ein dabei wesentlich zu berücksichtigender Faktor ist allerdings, wieweit die Ölsandvorkommen in Alberta weiter erschlossen und ausgebeutet werden, deren Abbau mit einem erhöhten CO2-Ausstoß verbunden ist.

Wirtschaftsstruktur

Die kanadische Wirtschaft ist geprägt durch einen dominierenden Dienstleistungssektor und eine starke ressourcenbasierte Wirtschaft in den Bereichen Rohstoffe, Energie, Forst – und Landwirtschaft. Die Bedeutung der verarbeitenden Industrie ist hingegen rückläufig, u.a. wegen im Vergleich zu den USA niedriger Produktivitätszuwächse. U.a. haben US-Autokonzerne ihre Zweigwerke in Ontario deutlich reduziert. Als Bremse für die Produktivität kanadischer Unternehmen wirkt sich auch der Fachkräftemangel aus. Betroffen sind vor allem technische Berufe, Maschinenbau und Informationstechnologie.
Nach Jahren mit niedrigen Wachstumsraten infolge der Ölpreiskrise lag das Wachstum 2017 bei 3%. Kanada hat damit 2017 in der Gruppe der G7 das höchste Wachstum gehabt. Die Arbeitslosenquote liegt bei 6 % (Aug. 2018), die Inflation bei 3% (Juli 2018).

Markt und Wettbewerb sind traditionell gut entwickelt. Die Verbindung zwischen Wissenschaft und Industrie soll verbessert werden, Forschungsergebnisse schneller zur Marktreife gebracht und die Markteinführung durch besseren Zugang zu Risikokapital gefördert werden. In Einzelbereichen bestehen Barrieren zwischen den Provinzen, die von der Wirtschaft als Belastung empfunden werden (u. a. bei der Mobilität der Arbeitskräfte, der Anerkennung beruflicher Qualifikationen und bei öffentlichen Auftragsvergaben besonders im Bausektor, bei der provinzfremde Firmen benachteiligt werden). Im Juli 2016 beschlossen die Premiers aller Provinzen auf ihrer Konferenz in Whitehorse, eine ganz Kanada umspannende Freihandelszone zu errichten. Das diesbezüglich ausgearbeitete Abkommen, das Canadian Free Trade Agreement (CFTA), trat im Juli 2017 in Kraft. Es enthält jedoch weiterhin Negativ-Ausnahmelisten, die die Provinzen zum Schutz ihrer eigenen Wirtschaftszweige nutzen können. 

Außenhandel

Kanada ist als Exportnation traditionell an freiem Handel und dem Abbau von Investitionsschranken interessiert. Ausländische Direktinvestitionen unterliegen in Kanada allerdings in einigen Schlüsselbereichen Einschränkungen (z.B. Transportwesen, Kultur, Medien, Telekommunikation, Nuklearindustrie, Bank- und Versicherungswesen, Landwirtschaft). Generell gilt, dass ausländische Unternehmen jede Investition bei der zuständigen Regulierungsbehörde melden müssen. Überschreiten private Investoren aus WTO-Mitgliedsstaaten die Investitionshöhe von 800 Mio. CAD (5 Mio. CAD bei Investitionen ausländischer Staatsbetriebe und 50 Mio. CAN bei indirekten Investments) , wird das Engagement im Rahmen eines formellen Verfahrens automatisch geprüft. 2012 wurden zusätzlich die Hürden für ausländische Direktinvestitionen in der Ölsandindustrie heraufgesetzt, so dass hier nur noch Minderheitsbeteiligungen erlaubt sind. Hierdurch will die kanadische Regierung verhindern, dass die strategisch wichtigen Erdöl- und Gasreserven von ausländischer Seite kontrolliert werden. Die üppigen Ressourcen Kanadas und die solide Wirtschaftsstruktur sorgen dafür, dass Kanada weiter ausländische Investoren anzieht. Bundesregierung und Provinzen werben mit steuerlichen und anderen Vergünstigungen um ausländische Direktinvestitionen in Schwerpunktbereichen wie Automobilsektor, Biotechnologie, Nanotechnologie, Luft- und Raumfahrt, Petrochemie und Energiegewinnung. Hauptinvestor ist die USA, der Anteil der deutschen Direktinvestitionen ist vergleichsweise gering.

Die wichtigsten Exportgüter Kanadas im Jahr 2017 waren Energierohstoffe und Elektroenergie, Fahrzeuge, Maschinen, mineralische Rohstoffe, Holzerzeugnisse, chemische Erzeugnisse insbesondere Plastik, Aluminium sowie Flug- und Raumfahrtgüter. Eingeführt werden hauptsächlich Maschinen, metallurgische und chemische Erzeugnisse, Fahrzeuge und Verbrauchsgüter.

Kanada ist Mitglied aller wichtigen internationalen Wirtschaftsforen wie G7, G20, OECD, WTO, IWF sowie Weltbank und ist mit den USA und Mexiko über das Nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA verbunden. Seit Juli 2009 ist ein Freihandelsabkommen mit den EFTA-Staaten in Kraft. Mit der EU hat Kanada ein umfassendes Wirtschafts- und Handelsabkommen, Comprehensive Economic and Trade Agreement (CETA), am 30. Oktober 2016 in Brüssel unterzeichnet (s.u.), das seit dem 21.09.2017 vorläufig angewendet wird.

Kanada hat insgesamt ca. ein Dutzend bilaterale Freihandelsabkommen geschlossen, darunter in jüngerer Zeit 2014 mit Südkorea. Ein im Juli 2016 mit der Ukraine unterzeichnetes Freihandelsabkommen trat im August 2017 in Kraft. Im Oktober 2015 wurden die Verhandlungen über das „Trans Pacific Partnership Agreement“ (TPP), mit dem eine Freihandelszone mit Australien, Neuseeland, Chile, Malaysia, Brunei, Singapur, Japan, Mexiko, Peru, Vietnam und den USA geschaffen werden sollte abgeschlossen. Nach dem Wahlsieg von Donald Trump zogen sich die USA aus dem Abkommen zurück. Die verbliebenen Staaten beschlossen das Projekt unter dem Namen Comprehensive and Progressive Trans Pacific Partnership (CPTPP) weiter zu führen. Es wurde von allen Mitgliedsstaaten im März 2018 unterzeichnet, ist aber noch nicht in Kraft getreten. Im Übrigen liegt das Augenmerk insbesondere auf China und Indien als besonders ausbaufähigen Handelspartnern.

Wirtschaftsbeziehungen mit den USA

Die USA sind mit Abstand der wichtigste Wirtschaftspartner Kanadas, ca. 75 % der Exporte gehen in die USA, bei den Öl- und Gasexporten sind es 98,5%. Ende September 2018 einigten sich die USA, Mexiko und Kanada auf ein neues Freihandelsabkommen (US Mexico Canada Agreement – USMCA), das nach Abschluss der nationalen Ratifikationsprozesse (voraussichtlich bis Anfang 2019) den Handel in Nordamerika regeln und NAFTA (North American Free Trade Agreement) ersetzen wird. Die seit dem 01.07.2018 von den USA und Kanada gegeneinander erhobenen Strafzölle auf Aluminium, Stahl und einige andere Warengruppen bleiben aber voraussichtlich auch nach dem Inkrafttreten von USMCA bestehen.

Kanada hat starkes wirtschaftliches und politisches Interesse an der Diversifizierung seines Außenhandels, ohne die privilegierten Beziehungen zu den USA in Frage stellen zu wollen. Dazu soll auch die Pipeline-Infrastruktur für Öl- und Gasexporte ausgebaut werden, um künftig auch Wachstumsmärkte wie China und Indien beliefern zu können. Allerdings ist der Bau neuer Pipelines zwischen den Provinzen umstritten und stößt auf Widerstand von Umweltgruppen und Teilen der indigenen Bevölkerung.

Wirtschaftsbeziehungen mit der EU

Grundlagen der Beziehungen zwischen der EU und Kanada sind das Rahmenabkommen über Wirtschaftliche und Handelszusammenarbeit (1976) und der Gemeinsame EU-Kanada-Aktionsplan von 1996. Daneben haben beide Seiten Abkommen über Zollzusammenarbeit (1997), Veterinärzusammenarbeit (1999), Wissenschaft und Technologie (1998), Zusammenarbeit im Nuklearbereich (1998), Wettbewerbsfragen (1999), Wein- und Spirituosenhandel (2001), Luftsicherheit (2008), Luftverkehr (2009), wissenschaftliche Zusammenarbeit im Bereich der Nachwuchsförderung (2011) und zuletzt über mehr Sicherheit im Handel (2013) geschlossen.

Auf kanadischen Wunsch hatten am 10. Juni 2009 in Brüssel formelle Verhandlungen zwischen der EU und Kanada über ein umfassendes Wirtschafts- und Handelsabkommen (CETA) begonnen. Es sieht neben dem weitgehenden Abbau bestehender Zölle und anderer Handelshemmnisse u.a. die Stärkung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, die Gleichstellung bei der Vergabe öffentlicher Aufträge, einen verbesserten Schutz geistigen Eigentums, erleichterte gegenseitige Anerkennung von Berufsqualifikationen und die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Investitionen vor.

Die Unterzeichnung des Abkommens ist am 30. Oktober 2016 in Brüssel erfolgt, nun muss es von den Vertragspartnern ratifiziert werden. In seinen wesentlichsten Teilen findet es seit dem 21.09.2017 vorläufige Anwendung.

Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland

Die vorläufige Anwendung des umfassenden Wirtschafts- und Handelsabkommens CETA (Comprehensive Economic and Trade Agreement) zwischen der EU und Kanada seit dem 21.09.2017 verleiht auch den deutsch-kanadischen Handelsbeziehungen eine neue Dynamik. Allerdings bleibt der Umfang des Warenaustauschs hinter den Möglichkeiten beider Volkswirtschaften zurück. 2017 betrugen Deutschlands Exporte nach Kanada 9,67 Mrd. EUR (Vorjahr: 9,43 Mrd €). Als Empfängerland deutscher Exporte nahm Kanada Platz 26 der deutschen Außenhandelsstatistik ein, als Lieferland mit 4,3 Mrd € (Vorjahr 4,1 Mrd €) für deutsche Importe Platz 37. Für Kanada hingegen ist Deutschland der viertwichtigste Exporteur und siebtwichtigste Importeur von Waren. Deutschland exportiert nach Kanada hauptsächlich Kraftwagenteile und Maschinen. Importiert werden aus Kanada vor allem Rohstoffe. Beide Länder liefern sich außerdem Datenverarbeitungsgeräte sowie elektrische, optische und chemische Erzeugnisse.

Etwa 800 deutsche Firmen sind in Kanada vertreten. Zwar liegt der Schwerpunkt bei Verkaufsbüros, es gibt aber auch eine Reihe von Firmen, die in Kanada produzieren. Hierzu gehören Siemens, Dr. Oetker, K+S AG (Kaliumcarbonat), SAP (Software) und Enercon (Türme für Windenergieanlagen). Weitere im Windenergiebereich stark vertretene deutsche Unternehmen sind ENERCON und Senvion (Ex- REpower). Die größte deutsche Investition ist das bereits genannte Kalisalzprojekt der K+S AG in der Provinz Saskatchewan für rund 4,1 Mrd. CAD. Hapag Lloyd Canada, im 100%-igen Besitz von Hapag Lloyd Hamburg, gilt als die größte kanadische Linienreederei. Die wichtigsten in Deutschland vertretenen kanadischen Firmen sind Bombardier (Schienen- und Luftfahrzeuge), CAE (Flugzeugsimulatoren) und Magna (Fahrzeugteile). Bombardier macht über seinen Teilbereich „Transportation“ im Schienenverkehrsbereich den größten Teil seiner Umsätze in Europa und hat seine Zentrale für diesen Bereich von Montreal nach Berlin verlegt.

Hinweis:
Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.

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